Vom Arabischen Frühling zur Demokratischen Föderation Nordsyrien

Rojava ist die Geschichte des kurdischen Widerstands in Syrien

Mitten in den syrischen Bürgerkriegswirren hat die vor allem kurdische Bevölkerung von Rojava eine Zone des Friedens und relativer Sicherheit geschaffen. Bis zu dem berüchtigten Angriff des ›Islamischen Staats‹ (IS) auf Kobanê im Herbst 2014 und seit Januar 2018 der völkerrechtswidrigen Invasion der türkischen Armee in den Kanton Afrîn, hat die Selbstverwaltung den Bürgerkrieg bislang aus den Dörfern und Städten Rojavas heraushalten können und dort eine ausgesprochen demokratische Entwicklung eingeleitet. Durch autonome Selbstverteidigungskräfte (YPG/YPJ) und polizeiliche Sicherheitskräfte (Asayiş) war es möglich, die Grenzen der drei Kantone nach außen gegen die verschiedenen Bürgerkriegsparteien zu sichern und im Innern eine friedliche Gesellschaft auf demokratische und rechtsstaatliche Prinzipien aufzubauen.

Unter Achtung der verschiedenen kulturellen und religiösen Besonderheiten sind alle Völker und sozialen wie politischen Gruppen, die sich an der Selbstverwaltung und autonomen Regierung Rojavas konstruktiv beteiligen wollen, aufgerufen, an diesem basisdemokratischen Experiment teilzunehmen und mit den alltäglichen praktischen Hürden umzugehen. Doch was ist Rojava eigentlich und warum bietet es eine demokratische und friedliche Perspektive für die ganze Region?

Rojava ist zunächst einmal der Name des mehrheitlich von KurdInnen bewohnten Landstrichs im Norden Syriens, südlich der Grenze zur Türkei. Hier leben etwa 2 Mio. Menschen, zur Zeit noch einmal knapp die gleiche Anzahl an syrischen Bürgerkriegsflüchtlingen. Mit Beginn des syrischen Aufstands wurden dort bereits Jahre zuvor vorbereitete politische und soziale Strukturen gebildet, die eine Selbstverwaltung in politischer, wirtschaftlicher und auch militärischer Hinsicht ermöglichen. Es wurden Räte und provisorische Verwaltungen gebildet, Selbstverteidigungskräfte aufgestellt und Wirtschaftskooperativen gegründet.

Die Revolution in Rojava

Im Januar 2014 konstituierten die die drei noch räumlich voneinander getrennten Enklaven Afrîn, Kobanê und Cizîrê sich als unabhängige Kantone, schlossen sich in einer Föderation zusammen und gaben sich eine gemeinsame politische Verfassung: den Demokratischen Konföderalismus. Aus Demonstrationen heraus wurden Regierungs- und Verwaltungsgebäude besetzt und die militärischen Verbände des Assad-Regimes durch Blockaden vor den Kasernen gezwungen, abzuziehen.

Kurz darauf haben die drei Kantone eine schriftliche Verfassung verabschiedet, den sogenannten ›Gesellschaftsvertrag‹, der Frieden, Freiheit, Menschenwürde und Demokratie garantiert und die BürgerInnen vor Nationalismus, Militarismus und religiösem Fundamentalismus schützt. Dieser Gesellschaftsvertrag garantiert die grundlegenden Menschenrechte, die Gleichberechtigung der Geschlechter, das Recht auf Arbeit und Wohnen, das Recht auf (kostenlose) Bildung und Gesundheitsversorgung, ein Asylrecht, Pressefreiheit, Religionsfreiheit u.v.m. Er erklärt Kinderarbeit und Kinderheiraten, Folter und Todesstrafe sowie den Missbrauch von Religion für politische Zwecke als verfassungswidrig. Alle diese Praktiken sind in Syrien und die meisten davon auch in den Nachbarstaaten gang und gäbe! Selbst im demokratischen Israel wird Folter toleriert (vgl. AI-Report 2016/2017) und es gibt die Todesstrafe, auch wenn sie zur Zeit nicht vollstreckt wird. Insofern ist der Gesellschaftsvertrag von Rojava bereits eine kleine Menschenrechts-Revolution für sich. Er garantiert darüber hinaus den nachhaltigen Umgang mit der Natur und das Recht auf ein Leben in einer intakten ökologischen Umwelt als Verfassungsrecht. Das ist in der Tat weltweit einmalig!

Vom Widerstand in Kobanê zur Demokratischen Föderation Nordsyrien

Das freiheitliche Projekt Rojava musste notwendigerweise die Feindschaft aller Despoten um sich herum auf sich ziehen. Während man mit dem an allen Fronten unter Druck geratenen Assad-Regime eine Stillhaltevereinbarung treffen konnte, schwang sich der Despot im Norden, der türkische Präsident Erdoğan, zum aggressivsten Gegner auf. Heute ist bekannt, dass der türkische Geheimdienst den IS massiv finanziert und aufgerüstet hat, unter der Absprache dass er Rojava angreift. Der fundamentalistische IS war Ankaras natürlicher Bündnispartner, denn insbesondere die Erfolge hinsichtlich der Frauenbefreiung und die säkulare Haltung Rojavas sind mit dem Fundamentalismus des IS unvereinbar.

Wir wissen alle noch, wie diese Intrige ausgegangen ist: Die zunächst überlegenen islamistischen Banden konnten unter fürchterlichen Kriegsgräueln bis in das Stadtzentrum von Kobanê vordringen, wo sie dann von den letzten verbliebenen Selbstverteidigungskräften (YPG & YPJ) in einem aufopferungsvollen Kampf aufgehalten wurden. Der weltweite Aufschrei der Zivilgesellschaften gegen den drohenden Genozid und die massiven Unterstützungsaktionen der internationalen Solidaritätsbewegungen hatten schließlich die USA so weit unter Druck setzen können, dass sie – in sprichwörtlich letzter Sekunde – zugunsten der YPG/YPJ eingriffen. Im Februar 2015 war die Stadt Kobanê von den Schergen des IS schließlich befreit.

Weil die Menschen in Rojava verstanden hatten, dass die Integrität der Region und somit ihre Sicherheit nur gewährleistet werden kann, wenn der IS vollständig aus Syrien vertrieben sein würde, hatte die Selbstverwaltung den Entschluss gefasst, von nun an weitere Regionen Syriens vom Joch des IS zu befreien. Da diese Regionen aber nicht alle mehrheitlich kurdisch besiedelt sind, aber auch weil die Freiheitsbewegung sich gar nicht als national kurdisch versteht, wurde das bereits während des Abwehrkampfes von Kobanê gestrickte Bündnis mit arabischen, assyrisch-christlichen, ezidischen und turkmenischen Bewegungen, die alle ebenfalls ein föderatives basisdemokratisches Politikmodell für Syrien anstreben, intensiviert und gemeinsam die „Demokratische Föderation Nordsyrien“ ins Leben gerufen.

Ein erstes wichtiges Ziel war die territoriale Verbindung der drei Kantone, was bisher nur zwischen Kobanê und Cizîrê gelingen konnte. Als das gemeinsame Militärbündnis der Demokratischen Kräfte Syriens (SDF) den Euphrat Richtung Afrîn überquerte und die IS-Verbände entlang der türkisch-syrischen Grenze bereits so gut wie vertrieben waren, intervenierte zum ersten Mal türkisches Militär direkt auf syrischem Boden und marschierte genau in der Region ein, die Kobanê und Afrîn miteinander hätte verbinden sollen. Afrîn blieb somit ein völlig isolierter Kanton in der Föderation, was den Menschen dort im Frühjahr 2018 durch die erneute türkisch-islamistische Aggression zum Verhängnis geworden ist.

Im Süden von Rojava hingegen gelang es den SDF unter größtmöglichem Einsatz bis zur ehemaligen IS-Hauptstadt Raqqa vorzudringen und die Bevölkerung dort von der Terrorherrschaft der Islamisten zu befreien.

Heute ist die Demokratische Föderation Nordsyrien in drei föderale Regionen gegliedert, in denen sich jeweils zwei Kantone zusammengeschlossen haben: Cizîrê (mit den Kantonen Hesekê und Qamişlo), Firat (Kobanê und Girê Spî) und Afrîn (Afrîn und Şehba). Auch wenn der Kanton Afrîn zur Zeit von türkischen und dschihadistischen Truppen besetzt ist, so zählt er weiterhin zu Rojava. Die Selbstverteidigungskräfte haben sich nach Wochen des Widerstands entschieden, die Bevölkerung in Richtung Aleppo und nach Şehba zu evakuieren und fortan in einem Guerillakampf um die Befreiung Afrîns einzutreten. Die Zukunft wird zeigen, wie lange sich die fremden Mächte dort halten können. Vieles hängt auch von den Interessen Russlands, Syriens, der EU und der USA ab.

Umso wichtiger ist es für die internationale Solidarität, Zuhause immer wieder auf die Zustände in Afrîn aufmerksam zu machen, wo neuerdings Kopftuchzwang herrscht, wo geplündert, gemordet und vergewaltigt wird, wo Frauen und Mädchen entführt werden, entweder um Lösegelder zu erpressen oder sie sexuell zu versklaven. Am dramatischsten ist die Situation für die EzidInnen in Afrîn, die von massenhaften Zwangskonvertierungen zum Islam berichten. Dem gegenüber steht das auf humanistischen Werten, auf Gleichberechtigung und Solidarität fußende Gesellschaftsmodell des Demokratischen Konföderalismus, das in Rojava und neuerdings auch in den vom IS befreiten arabisch besiedelten Gebieten rund um Raqqa im Osten Syriens praktiziert wird.

Unterdrückung von Protest in der Türkei

Tear Gas and Rubber Bullets Disrupt Istanbul Gay Pride Parade
(VICE News, Juli 2015, english)

Turkish police officers disrupted this year’s Istanbul gay pride march, violently dispersing peaceful crowds as they gathered at the city’s iconic Taksim Square. Istanbul’s annual march has been taking place in the city for over a decade, and the numbers of those attending have increased throughout the years. The police actions on Sunday were an apparent response to the sudden banning of the event by Istanbul governor’s office, which reportedly decided to outlaw the march as it coincided with the holy month of Ramadan. Undeterred, crowds began congregating on nearby streets, only to be fired upon with tear gas, rubber bullets, and water cannons by the police. Marchers told VICE News how they were attacked and injured by the heavy-handed police actions. Despite this, pride marchers continued to gather on the streets until the early hours of Monday morning.

Jugendbewegung in der Türkei

„Wir haben jung angefangen und werden jung siegen.“
– Abdullah Öcalan –

Die Jugend nimmt in gesellschaftlichen und historischen Entwicklungen einen bedeutenden Platz ein. Auf dem Weg zu einer Revolution müssen wir uns die Geschichte linker und revolutionärer Bewegungen bewusst sein, um die Gegenwart analysieren zu können. Das braucht es, um ein sinnvolles Leben zu führen und eine Identität zu entwickeln. Der Aufbau eines sinnvollen Lebens hängt davon ab, wie tief unser Geschichtsbewusstsein ist und ob wir den Verlauf der
gesellschaftlichen Entwicklungen verstehen. Die Geschichte, die wir in der Schule gelehrt bekommen, ist geprägt durch eine kriegerische, macht-orientierte, unterdrückende und kolonialistische Geschichtserzählung. Das herrschende System versucht die Gesellschaft von einem eigenen, alternativen Geschichtsbewusstsein fernzuhalten und eine Gesellschaft mit sinn- und identitätslosen Leben zu erschaffen.

Was ist die „Jugend“?

Die Jugend versteht sich als innere Einstellung, ohne Alterszuschreibung. Sie repräsentiert die Lebendigkeit der gesellschaftlichen Natur. Sie ist beweglich, ihre Energie ist unerschöpflich und sie ist offen für Veränderung. Sie tritt ein für die Entwicklung und Verteidigung der Gesellschaft. Deshalb wird sie staatlich indoktriniert und instrumentalisiert. Ein Bewusstsein für die Jugend als
eigenständige gesellschaftliche Kraft gelingt über das Verständnis der jugendlichen Merkmale: wie zum Beispiel Mut zum Andersdenken, Lebhaftigkeit, Altruismus, Ehrlichkeit, Opferbereitschaft und Solidarität. Trotz der biologischen Überschreitung des Jugendalters kann die Jugend vertreten werden, wenn die jugendlichen Merkmale verinnerlicht sind.

Die Bedeutung der Jugend als revolutionäre Kraft

Die Jugend hatte eine wichtige Rolle in vergangenen Rebellionen und Revolutionen. In der 68er-Bewegung erfolgte der erste große historische Moment des Widerstands der Jugend. Sie reagierte gegen das vom System der kapitalistischen Moderne des nach dem Zweiten Weltkrieg entwickelten neokolonialistischen Systems. Gegen die Bestrebung des Kapitalismus, die Ausbeutung auf globaler Ebene zu forcieren, hat die Jugend in den Metropolen ein frühes Bewusstsein entwickelt und eine Haltung gezeigt. Des Weiteren drückte die Jugendrevolution die Widersprüche der Jugend mit den etatistischen Systemen aus. Es war im Wesentlichen eine Mentalitäts- und Kulturrevolution. Sie hat, im den machtbasierten und staatlichen Charakter der vorherigen großen Revolution überwunden. Die Französische Revolution verhalf der kapitalistischen Moderne zu ihrer globalen Hegemonie, die Oktoberrevolution schuf den Realsozialismus. Die 68er-Jugendrevolution hat eine Neuerung hervorgebracht. Unter dem Slogan „Eine andere Welt ist möglich!“ äußerten die Jugend als einziger Teil der Gesellschaft lautstark Kritik. Ziel war es den Staat aus dem Bewusstsein der Bevölkerung zu verdrängen. Auf dieser Grundlage wurde eine große gesellschaftliche Bewegung entfesselt, die nicht auf die Jugend beschränkt blieb. Sie hat schnell Verbreitung in der gesamten Gesellschaft gefunden. Sie ist zu einer Hoffnung der Gesellschaft geworden und hat eine große Hoffnung auf Freiheit geschaffen.

Rudi Dutschke im Februar 1968 bei einer Demonstration gegen den Vietnam-Krieg in Berlin

Die Kräfte der kapitalistischen Moderne wollten die Jugendbewegung mit Gewalt ersticken. Massaker, Hinrichtungen und Repressionen gegen die Jugendlichen fanden statt. Sie wurden denuziert, und als Terrorist*innen, Bandit*innen und Räuber*innen etikettiert. Medial und wissenschaftlich wurde die 68er-Bewegung verklärt und die revolutionäre Geschichte verleumdet. Der Widerstand wurde nicht global betrachtet.

Die Anfänge der 68er Bewegung

Die Jugendrevolution von 1968 war eine Widerspiegelung der Wut gegen das Geldsystem, welches über die Welt und über das Leben herrschte. In jedem Bereich des Lebens wurde der Einflussspürbar: Es wurde begonnen an vielen Orten Universitäten zu eröffnen mit dem Ziel, Jugendliche vermehrt in den Werkstätten und Laboratorien innerhalb der Universitäten arbeiten zu lassen und Profit zu machen, anstatt die Studierenden zu bilden. Für Kantinen und Universitätskliniken musste Geld ausgegeben werden. Studienkredite wurden zusammen mit Zinsen um ein vielfaches zurückgefordert. Die studierende Jugend wurde Schritt für Schritt abhängiger von finanziellen Ressourcen. Das Finanzkapital erhöhte die Arbeitslosigkeit erheblich. Die arbeitende Jugend wurde in die Arbeitslosigkeit gedrängt. Jugendliche mussten in die Vororte der Städte ziehen.

Im Mai 1968 begannen an den Universitäten von Paris, allen voran Sarbonne, unter Führung der Studierenden Demonstrationen und Boykotte. Das war der ausschlaggebende Funke der weltweiten 68er-Bewegung. Als die Jugendrevolte 1968 in Paris explodierte, war das Echo in der Columbia Universität, in den USA, in Prag, Mexico City, Tokyo und in den italienischen Städten zu hören. Die USA wurden durch zahlreiche Demonstrationen von Afroamerikaner*innen erschüttert. Proteste, die sich im Kern als Reaktion auf das kapitalistische Leben in der Hippie- und Beatnik-Szene¹ entwickelten, wurden von Seiten der studierenden Jugend politisiert. Eine Vielzahl von Kultur- und Musikgruppen haben an den Demonstrationen teilgenommen. In kürzester Zeit wurden in zahlreichen Ländern andere Widerstände vereint und sich in einen giganischen Geist des globalen Aktivismus verwandelt.

March 29, Memphis, Tennessee: National guardsmen brandishing bayonets block civil rights activists trying to stage a protest on Beale Street. The marching demonstrators, wearing signs which read ‚I Am A Man‘, were also flanked by tanks

Zusammen mit den 68-Bewegungen wurden von Seiten der Jugend immer mehr revolutionäre, radikale Organisationen gegründet. Seit den 68ern entwickelten sich Organisationen und Avantgardebewegungen wie die RAF in Deutschland unter der Führung von Ulrike Meinhof, sowie zahlreiche antifaschistische Organisierungen, wie etwa die „Roten Brigaden“ in Italien oder die „Action Directe“ in Frankreich. In Guinea entstanden unter Führung von Amilcar Cabral eine antikoloniale Befreiungsbewegung. In den USA führte die größte Protestbewegung der Zeit zur Abschaffung von Apartheidsgesetzen. Die Auswirkungen der 68er Bewegung auf den Mittleren Osten waren begrenzt. Die Bewegungen dort waren jedoch radikaler und oftmals militärischer Natur. Zusammengefasst hat der gesellschaftliche und politische Kampf der Jugend im Zuge der der 68er-Revolution zusammen weltweit neue Fahrt aufgenommen.

Ein kurzer Exkurs in die Entstehung und Entwicklung der Türkei

Im Osmanischen Reich gab es immer wieder vereinzelte Widerstände, aber keine Massenbewegungen. Die Widerstände orientierten sich am nationalistisch-liberalen Westen. Nach dem Zusammenbruch des Osmanischen Reichs wurde 1923 unter Führung von Mustafa Kemal Atatürk, eine Republik gegründet. Die Reformjahre unter Atatürk 1923 bis 1938 brachten eine kemalistische Elite hervor. Diese setzte sich die Durchsetzung und später die Bewahrung der kemalistischen Reformen zum Ziel. Das Regime unter Atatürk war sehr autoritär. Am 31. März 1923 erließ die türkische Regierung eine allgemeine Amnesie für alle im Zusammenhang mit dem Völkermord an den Armernier*innen von 1915/16 stehenden Angeklagten. 1925, 1930 und 1937/38 kam es zu kurdischen Aufständen.

Völkermord an den Armeniern im Ersten Weltkrieg: Türkische Soldaten hängen junge Männer am Galgen auf

Mit dem Tod von Atatürk endete die Zeit der radikalen Veränderungen. Nach ihm übernahm Ismet Inönü das Amt des Präsidenten der Türkei. Er strebte eine stärkere Verwirklichung demokratischer Grundsätze im öffentlichen Leben an, ohne genaueres zu erwähnen. Nachdem er 1945 das Ende des Einparteiensystems verkündete, wurde die proamerikanische Demokratische Partei (DP) gegründet. Bei den Parlamentswahlen 1950 erhielt die Partei mehr als die Hälfte der Stimmen. Die Militärs befürchteten, dass die neue Regierung gegen die Prinzipien des Kemalismus handeln oder diese zu beseitigen versuchen könnte. Durch
gegenseitiges Misstrauen tauschte die DP-Regierung unmittelbar nach Amtsantritt die Armeeführung aus.

Am 18. Februar 1952 trat die Türkei zusammen mit Griechenland in die NATO ein. Aufgrund von Ausschreitungen in den 1950ern und einer immer autoritärer werdenden Regierung traten Mitglieder aus der Partei aus. Die Partei verlor bei der Bevölkerung zunehmend an Rückhalt, weil der wirtschaftliche Fortschritt nur wenigen zugute kam. Auf Kritik reagierte die Regierung sehr gereizt. Im April 1960 wurde von der Regierungspartei ein Ausschuss eingesetzt, dem es erlaubt war, die Presse zu zensieren, Zeitungen zu verbieten und Haftstrafen zu verhängen. Daraufhin begannen am 28. April 1960 in Istanbul und Ankara Proteste von Studierenden. Als Reaktion darauf wurde das Kriegsrecht verhängt, was jedoch nicht dazu führte, dass die Proteste sich beruhigten. Am 27. Mai 1960 übernahmen türkische Streitkräfte die Macht in der Türkei. Die Regierung der DP wurde gestürzt. Die Führung übernahm nun das Komitee der Nationalen Einheit (MBK). Die Ausgangssperre und das Kriegsrecht wurden aufgehoben und eine neue Verfassung wurde ausgearbeitet und verabschiedet.

Die 68er-Jugendbewegung und ihre Auswirkungen auf die Türkei

Die neuen Rechte unter der MBK-Regierung ermöglichten legale politische Arbeit, Streikrecht und die Legalisierung von Literatur. Verbotene marxistisch-leninistische Klassiker konnten ins türkische übersetzt werden und viele Jugendliche wurden durch diese Bücher beeinflusst. Das führte zur Bildung eines Bewusstseins, das eine Auseinandersetzung mit der Frage, was Freiheit und Unfreiheit bedeuten kann, erlaubt. Die Menschen radikalisierten sich und erste Jugendorganisationen entstanden. Die sozialistische Arbeiterpartei der Türkei (TIP) trat in den Wahlen 1965 und 1969 an und setzte sich die werktätige Bevölkerung als politische Zielgruppe. Die Grundlagen, die die TIP geschaffen hatte, wurden genutzt, um sich in den führenden Universitäten der Türkei zu organisieren. Diese Organisierung hat sich als Föderation der Debattierclubs konkretisiert und eine massenhafte Beteiligung der Jugend am revolutionären Kampf entwickelt. Jedoch war sie nicht in der Lage die Revolutionsträume der Jugend zu befriedigen und stellte vielmehr eine parlamentarische Linke dar. Diese wurde jedoch durch das türkische kapitalistische System aufgesogen und rückte immer mehr nach rechts. Es begann die Vorreiterschaft von Mihri Belli, der die „Theorie der Nationaldemokratischen Revolution“ begründete. Jedoch konkretisierte er nicht, wie die Demokratisierung verwirklicht werden solle.

Die Jugend schlussfolgerte aus der Geschichte von Demokratisierungen, dass diese mit radikal-revolutionären Widerstand erkämpft werden muss. Sie entschlossen sich 1965 in Form der Dev-Genç³ unabhängig zu organisieren. Die Dev-Genç war Ausdruck der massenhaften revolutionären Haltung und Bewegung der kurdischen und türkischen Jugend in Bewegung. In den folgenden Jahren leistete die revolutionäre Jugend gegen die faschistischen, reaktionären Angriffe des Staates Widerstand. Gemeinsam mit Arbeiter*innen wurden Fabriken besetzt und militärische Aktionen durchgeführt, wie die Hinrichtung von faschistischen Führungspersonen. In diesen Widerständen sind bekannte revolutionäre Jugendliche gefallen. Vor diesem Hintergrund kamen die Bewaffnung der Jugend zum Selbstschutz und die militärische Organisierung noch dringender auf die politische Agenda.


Der „blutige Sonntag“ in der Geschichte der Türkei beschreibt die Ereignisse am 16. Februar 1969. 76 Jugendorganisationen hatten eine Demonstration gegen das Einlaufen der 6. Flotte der USA angemel-det. Der Verein zum Kampf gegen Kommunismus hatte zu einer Gegendemonstration aufgerufen. Die unbewaffneten Demonstranten auf dem Taksim-Platz wurden von 400 bis 500 Faschisten, denen die Polizei Zutritt verschaffte, mit Messern, Ketten und Knüppeln angegriffen. Bei den Auseinanderset-zungen starben die Jugendlichen Ali Turgut Aytaç und Duran Erdoğan durch Messerstiche.

Die Jugendbewegung der Türkei wurde einerseits stark von der politischen Lage in der Türkei beeinflusst. Andererseits wurde sie inspiriert von den sich global und regional entwickelnden 68er-Bewegung. Mit der palästinensichen Guerilla wurden in dieser Zeit Beziehungen aufgebaut und die Unterstützung und Solidarität mit der palästinensichen Revolution verstärkt. So führten die Kader der Jugendbewegung der Türkei die Vorbereitungen für eine Guerilla an. Eine Vielzahl an Jugendlichen ist nach Palästina gegangen, erhielt dort eine Guerilla-Ausbildung und kehrte in die Türkei zurück. Es wurde damit begonnen im Geheimen Guerillaorganisationen aufzubauen.

Sehr bald stellte sich der Staat gegen die sich ausbreitende revolutionäre Jugend. Der faschistische Putsch vom 12. März 1971 markiert ein wichtiges Ereignis in der Geschichte der revolutionären Jugend in der Türkei. Viele jugendliche Anführer wurden während des Putsches ermordet und die Jugend erlitt einen harten Rückschlag. Die Ermordung führender revolutionärer Personen wurde zur „Niederlage vom 12.März“. Bis in die 1974-75er Jahre erlebte der revolutionäre Kampf in der Türkei eine ernsthafte Stagnation. Nach dem Putsch wandten sich viele revolutionäre Jugendliche einem entschlossenen bewaffneten Widerstand zu.

Die Situation der Jugend in Kurdistan

Aufgrund der feudalen, patriarchalen Mentalität in Kurdistan war eine Vorreiterrolle der Jugend in der kurdischen Widerstandstgeschichte der Türkei über eine lange Zeit nicht möglich. Die Jugend trat in der Geschichte Kurdistans zuerst in Form der Studierenden im Westen des Landes auf, nachdem 1959 ein politisches Verfahren gegen kurdische Studierende wegen eines Protestbriefes eröffnet wurde. Dadurch fand jedoch keine starke Identitätsbildung der kurdischen Jugendlichen statt. Einige der angeklagten Jugendlichen gründeten später die KDP-Türkei. Diese entwickelte sich in zwei Linien statt: Die erste war nationalistisch ausgerichtet und ist ein Ableger des nationalistischen Barzani-Clans aus Südkurdistan (Irak). Die zweite richtete sich nach den Bedürfnissen der Arbeiter*innen. In beiden Lagern hatte die Jugend keine Bedeutung. Die 68er-Bewegung, die weltweiten Einfluss hatte, erzeugte in Kurdistan zunächst nur kleine Funken, die innerhalb dieser Bewegungen zum Erlöschen kamen. Der Effekt war begrenzt und indirekt. 1969 wurde der marxistische Kulturverein (DDKO) gegründet, der sich für die Gleichberechtigung aller Völker einsetzte.

Die Vorgeschichte der PKK und die Entstehung der Führung

In der 68er-Generation schlossen sich einige kurdische Jugendliche in der Türkei der Dev-Genç an. Ihnen gelang es allerdings nicht, eine nationale Rolle zu spielen. Jeder Aufstand in der kurdischen Widerstandsgeschichte endete in Massakern, wodurch die Hoffnungslosigkeit in der kurdischen Gesellschaft weiter verstärkt wurde. Selbst unter Kurd*innen bedeutete allein der Gedanke an den Namen Kurdistans bereit zu sein, den Tod in Kauf zu nehmen. Angst und Hoffnungslosigkeit wurden hinterlassen. Nach der Niederlage am 12. März 1971 wurden die Bedingungen für den revolutionären Kampf in der Türkei noch härter. Eine große Plan- und Ziellosigkeit machte sich breit. Innerhalb der Linken entwickelten sich viele Diskussionen, die jedoch aus Streitigkeiten zwischen Gruppen herrührten und was dazu führte, dass die türkische Linke aus ihrer Niederlage nicht lernen konnte. Begangene Fehler und Unzulänglichkeiten wurden nicht kritisiert und nicht selbstkritisch die notwendigen Schlussfolgerungen gezogen.

Mit der letzten Niederlage Barzanis in Südkurdistan ist die Frage nach der richtigen Führung im Kampf um Kurdistan auf die Tagesordnung getreten. Abdullah Öcalan hat als Antwort auf diese Frage passende Analysen geliefert und wurde zum ideologischen und organisatorischen Wegweiser. Mit der Feststellung, dass Kurdistan eine Kolonie ist, nannte er das Problem beim Namen und bekräftigte, dass dies innerhalb einer demokratischen und klassenbasierten Einheit zu lösen ist. Er betonte die Bedeutung der Schaffung einer neuen Persönlichkeit durch die Revolution Kurdistans. Die Befreiung der kolonialisierten Persönlichkeit sollte zur größten gesellschaftlichen Revolution werden. Nachdem er die Revolution der kurdischen Persönlichkeit bei sich selbst vollzog, übertrug er dies auch in die aufgebaute Gruppe und später in die Bewegung. Dadurch wurde in der Gesellschaft ein demokratischer Mentalitätswandel vorangetrieben. Er zog Lehren aus den Fehlern in der Widerstandsgeschichte Kurdistans und der Geschichte des Kampfes der Linken in der Türkei. In den 1970er Jahren hat er mit zwei grundlegenden Unterschieden seine eigene, originelle politische Identität aufgebaut. Zuerst grenzte er sich von den nationalistisch-kurdischen Strömungen ab. Als Zweites trennte er sich von der chauvinistischen Linie der Linken in der Türkei.

Die Geburt der PKK

Die Situation der revolutionären Jugend in der Türkei beeinflusste die Gründung der PKK maßgeblich. In diesem Sinne kann die PKK als verspäteter Ausdruck und Aufflammen der 68er-Bewegung in Kurdistan definiert werden. Weitere Einflüsse waren der Aufstand in Süd-Kurdistan und die DDKO. Jugendliche, die sich von der revolutionären Jugendbewegung der Türkei und derDDKO trennten, organisierten sich um Abdullah Öcalan (Serok Apo) herum. Viele, größtenteils arme und arbeitende Jugendliche schlossen sich an und die Organisierung erlangte eine zentrale Position im nationalen Befreiungskampf Kurdistans. Die PKK ist als eine Jugendpartei geboren und als solche gewachsen.

Resümee

Eine Jugend ohne Utopien kann nicht wachsen, sie ist dazu verurteilt klein zu bleiben. Jede Revolution ist zuerst eine Utopie, ein Ideal. Erst später wandelt sie sich in die Lebensrealität und die Praxis. Dass die Gesellschaft ihre eigene Lösung nicht entwickelt, hängt damit zusammen, dass ihr verwehrt wird, etwas für ihre eigene Entwicklung zu unternehmen, sich dafür einzusetzen und dafür zu arbeiten. Mit Gleichgültigkeit oder Unentschlossenheit kann das Bestehende nicht verändert werden. Die revolutionäre Jugend ist bis zum Schluss dazu entschlossen, ihren Idealen einer freien Gesellschaft und freien Jugend zu folgen.

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¹ Beatnik = Symbole dieser Subkultur sind der Bebop, sowie Modern Jazz und die ständige Beschäftigung mit Literatur; ein eng verwandter Begriff ist der des Hipsters. Als Beat-Generation wird eine Richtung der US-amerikanischen Literatur nach dem Zweiten Weltkrieg in den 1950er Jahren bezeichnet. Bekannte Beat-Autoren sind Jack Kerouac, Allen Ginsberg und William S. Burroughs.

Quelle: „Manifest der Jugend“ 1. Auflage März 2017. Mezopotamien Verlag und Vertrieb GmbH

Widerstand in türkischen Metropolen

Turkey’s Civil Revolt: Istanbul Rising
(VICE, June 2013)

On Friday, May 31, Turkish riot police fired tear gas and pepper spray into a peaceful protest held to save Gezi Park, one of the last green areas in central Istanbul. This set off the biggest civil uprising in the history of the Turkish Republic, calling for Prime Minister Erdogan’s resignation. The unrest has spread like wildfire to more than 60 cities where protests are still ongoing. We landed in Istanbul the day it all kicked off.

The New Gezi Park Protesters: Istanbul’s Gentrification Wars
(VICE News, Aug 2014)

This weekend’s presidential election in Turkey is as good as decided. The mass protests surrounding Gezi Park, the corruption scandals, the Soma mining accident — none of these incidents will stop the majority of Turks from electing Recep Tayyip Erdogan as president. Among other things, this means that ambitious development projects will likely multiply — and with them, the controversies Erdogan’s AKP party aggressive policies routinely provoke. The Gezi uprising that rocked Turkey in June 2013 was sparked by a government project to transform the park in central Istanbul into a gigantic mall. And while a relentless police crackdown has led many of last year’s protesters to abandon hope, the problems at the heart of Erdogan’s vision for Turkey’s urban development have not gone away. Those directly affected by the aggressive development of their neighborhoods are often left with only one of two options: to despair, or to fight. One group that has decided to take the fight to the government is the Revolutionary People’s Liberation Front, or DKHP/C. This extreme-left party, labeled a terrorist organization by the EU, is entrenched in many of the disenfranchised neighborhoods that have become targets for ruthless urban development. To stave off the forced relocation of inhabitants, the DKHP/C militants are prepared to combat not only the police, but also violent drug gangs that terrorize their neighborhoods, which they believe are collaborating with the state. VICE News travelled to Istanbul to meet the DKHP/C on its home turf, document its fierce clashes with the police on May Day, and understand what motivates these violent, self-proclaimed champions of the poor.

From Grief Over Kobane To Chaos: Istanbul’s Kurdish Riots
(VICE News, Oct 2014)

As the battle between Kurds and Islamic State militants rages on in the Syrian border town of Kobane, Kurds in neighboring Turkey are becoming increasingly angry at the Turkish government’s failure to intervene. And so protestors have taken to the streets in cities such as Ankara and Istanbul to show their support for both the Kurds fighting in Kobane and the Kurdistan Workers‘ Party (PKK), a resistance group in Turkey classified as a terrorist organization by Turkey, the United States, and several other Western nations. VICE News traveled to Istanbul, where a memorial march for two fighters who died in Kobane devolved into a night of chaos. Amid clouds of police teargas, we spoke to members of a PKK youth wing as they threw Molotov cocktails and shouted support for Kurds in Turkey and Kobane.

Internationale Interessen im Syrienkrieg

Quelle: ANF – Syrienkrieg: Dritter Weg im Wirrwarr
internationaler Interessen
(Dez 2019)

Seit 2011 herrscht ein internationaler Bürgerkrieg in Syrien. Regionale und internationale Mächte wirken in diesem Krieg mit. Der Kampf gegen den IS hat die widersprüchlichen Interessen auf dem syrischen Schlachtfeld temporär in den Hintergrund geraten lassen. Doch spätestens seit dem militärischen Sieg über die Organisation in al-Baghuz sind die gegensätzlichen regionalen und internationalen Interessen in voller Härte wieder zum Vorschein gekommen. Wir wollen mit diesem Artikel einen Blick auf die Interessenslagen und die damit verbundenen Widersprüche in Syrien werfen. Welche regionalen und internationalen Mächte verfolgen welche Ziele in dem kriegsgebeutelten Land? Welche Möglichkeiten eröffnen sich dadurch für die lokalen Akteure in dem Konflikt? Und wie sieht in diesem Zusammenhang die Perspektive für einen Frieden in Syrien aus? Wir möchten versuchen, Antworten auf diese Fragen zu finden.

Assad als großer Sieger des Bürgerkriegs?

Als im Jahr 2010 der arabische Frühling über die Länder Nordafrikas und des Mittleren Ostens hinwegfegte, entbrannte die Hoffnung auf einen Wandel in einer Vielzahl von autoritär geführten Staaten der Region. Die Menschen rebellierten grenzübergreifend und waren nicht mehr gewillt, die diktatorischen Regime in ihren Ländern zu akzeptieren. Der Wunsch nach einer Demokratisierung war vielerorts zu spüren. Doch der Wind sollte sich bald drehen. Denn verschiedenste Regional- und Großmächte waren nicht bereit, den Wandel in der Region den Massen zu überlassen. Sie mischten in verschiedenen Ländern mit, unterstützten dort, wo es sie gab, ihnen genehme Akteure oder erschufen sie dort, wo es sie nicht gab.

Im Zuge des „Arabischen Frühlings“ geriet bald auch Syrien ins Visier der regionalen und internationalen Akteure. Die Proteste gegen das Baath-Regime im Jahr 2011 wurden rasch vereinnahmt. Aus friedlichen Protesten entwickelte sich so schon bald ein blutiger bewaffneter Bürgerkrieg. Ausgerufenes Ziel war es, die Regierung von Bashar al-Assad zu stürzen. Doch im Jahr 2019 ist Assad weiterhin an der Macht und er hat nach dem anfänglichen Verlust weiter Territorien nun einen Großteil Syriens wieder unter seine Kontrolle gebracht. Der Sieg über die sogenannte Freie Syrische Armee in Aleppo war ein Wendepunkt im Bürgerkrieg. Das nächste Ziel der Regimekräfte ist die Provinz Idlib.

Was Assad beabsichtigt, ist die Wiederherstellung des Status quo ante bellum in Syrien. Mit der großzügigen Unterstützung Russlands, des Irans und der libanesischen Hisbollah hat er ein großes Stück auf der Strecke zu diesem Ziel genommen. Die zentrale Herausforderung zur vollständigen Umsetzung seines Vorhabens stellen neben dem Kampf um Idlib, der Umgang mit der Demokratischen Föderation Nord- und Ostsyriens sowie mit den von der Türkei besetzten Gebiete in Nordsyrien dar. Das Vorhaben der arabischen Golfstaaten, der Türkei und des Westens, sein Regime zu stürzen, scheint bereits jetzt erfolgreich abgewendet. In die Karten des Assad-Regimes hat in jedem Fall das zwischenzeitliche Erstarken des IS gespielt. Denn diejenigen Mächte, die ihn eigentlich stürzen wollten, mussten dadurch ihren Fokus im syrischen Bürgerkrieg neu legen. Aufgrund der internationalen Gefahr, die von dieser Organisation ausging, erschien Assad für viele seiner einstigen Gegner nun als das kleinere Übel. Das Interesse an einem Regimewechsel in Syrien rückte dadurch jedenfalls in den Hintergrund. Ob Assad aber sein Land vollständig in den Zustand vor dem Bürgerkrieg zurückführen kann, bleibt zumindest fraglich.

Die Interessenslage Russlands und des Irans

Ein vorläufiger Sieger des syrischen Bürgerkriegs scheint Russland zu sein. Mit breiter militärischer Unterstützung für Assad konnte über diesem das russische Einflussgebiet in Syrien aufrechtgehalten und ein, dem westlichen Interessen entsprechender Regime-change abgewehrt werden. Selbst die Türkei, ein eingeschworener Befürworter des Sturzes von Bashar al-Assad, wurde erfolgreich in die syrische Interessenspolitik Moskaus eingebunden. Die Türkei ist im Laufe des syrischen Bürgerkriegs zu einem besonders nützlichem Partner Russlands geworden. Denn über Ankara gelingt es, den Aktionsradius verschiedener islamistisch-gesinnter Gegner Assads unter Kontrolle zu halten. Der Rückzug der islamistischen Rebellen in Aleppo auf Geheiß der Türkei ist ein Paradebeispiel dieses Erfolgs. Auch in Idlib führt Russland eine ähnliche Diplomatie, um die Rückeroberung der Stadt durch Assad zu erleichtern.

Einen weiteren Vorteil bietet die Türkei aus russischer Perspektive im Umgang mit der Demokratischen Föderation Nord- und Ostsyrien. Hier fungiert die Türkei als wichtiges Drohmittel. Die Föderation wird immer wieder vor folgende Wahl gestellt: Entweder akzeptiert ihr die Hoheit des Assad-Regimes über die von euch kontrollierten Gebiete oder wir lassen die Türkei auf euch los.

Ein besonderes Interesse am Machterhalt des Assad-Regimes zeigte von Anfang an auch der iranische Staat. Gerade vor dem Hintergrund des internationalen Drucks auf das eigene Regime verfolgt Teheran eine Politik, mit der es die Konflikte in der Region vor der eigenen Haustür halten möchte. Und so mischt der Iran munter in den Bürgerkriegen im Jemen und Syrien sowie in der politischen Krise im Irak mit. In Teheran ist man sich dessen bewusst, dass der Westen und die Golfstaaten mit herbeigeführten Regimewechseln den Iran umzingeln möchte. Die Abwendung dieses Vorhabens wie derzeit in Syrien ist somit ein ernstzunehmendes Interesse des Mullah-Regimes.

Westliche Interessen: Kampf gegen den IS und der drohende Einflussverlust in Syrien

Maßgeblichen Einfluss an dem Abdriften des syrischen Aufstands in einen Bürgerkrieg haben die westlichen Interessen in der Region. Sie haben die Bewaffnung der syrischen Gegner des Assad-Regimes vorangetrieben und auch über lange Zeit von ihrem Vorhaben, das Regime zu stürzen, nicht abgelassen, als innerhalb des Assad-feindlichen Lagers islamistische Kräfte die Überhand gewannen. Erst mit dem Erstarken des IS in Syrien, das die vom Westen unterstützte Opposition im Land samt ihrer Waffen aus dem Westen und den arabische Golfstaaten förmlich überrannte, wurde dieser Kurs korrigiert. Dieselben Mächte, die alles auf einen raschen Sturz von Assad setzten, versammelten sich fortan unter der Anti-IS Koalition. Notgedrungen suchten sie die Kooperation mit einem politischen Akteur, den sie bis dato mit allen Mitteln im syrischen Bürgerkrieg zu ignorieren versuchten – der Demokratischen Föderation in Nordsyrien. Deren Selbstverteidigungskräfte, die Demokratischen Kräfte Syriens (SDF), galten als letzte effektive Bodentruppen, die dem IS etwas entgegen zu bieten hatten. Diese Kooperation war auch im Sinne der Demokratischen Föderation, galt doch der IS mit der Unterstützung der Türkei als ernstzunehmende Gefahr für die radikaldemokratische Revolution von Rojava. Parallel zur militärischen Kooperation, die letztlich zum militärischen Sieg über den IS führte, setzt der Westen allerdings bis heute alles daran, eine politische Anerkennung der Föderation zu unterbinden. So werden dieselben Akteure, welche die größten Opfer im Kampf gegen den IS aufgebracht haben, von allen internationalen Friedensverhandlungen für Syrien konsequent herausgehalten. Dass dieser Kurs allerdings von vornherein zum Scheitern verurteilt ist, zeigen die zuletzt von der UN initiierten Verfassungsverhandlungen für Syrien in Genf (http://civaka-azad.org/die-loesung-slosigkeit-syrischer-friedensverhandlungen/).

Der jüngste NATO-Gipfel zeigt zudem, wie der Westen einerseits zwar seinen Einfluss in Syrien nicht aufgeben will, andererseits aber auch, welche Risse innerhalb dieses Machtblocks sich aufgetan haben. Soll man auf die Türkei setzen, um einen Fuß in Syrien zu halten (Tendenz innerhalb der deutschen Bundesregierung) oder doch den Kontakt zur Föderation Nordsyriens suchen, um nicht vollständig vom unverlässlichen türkischen Partner abhängig zu sein (eher die französische Haltung). Dass sich die Großmacht USA in dieser Frage auch noch nicht vollständig entschieden hat, zeigt der von Washington vollzogene Rückzug in Syrien. Die ernstzunehmende Gefahr eines Widererstarkens des IS im Zuge des aktuellen türkischen Besatzungskriegs lässt diese Frage umso dringender erscheinen.

Türkei: Neoosmanische Träume und die „kurdische Gefahr“

Eine der Mächte, die von Anfang an am vehementesten für den Sturz Assads in Syrien eingetreten ist, war die Türkei. Hierfür hat sie mit am aktivsten an der Bewaffnung und Ausbildung der Anti-Assad-Truppen mitgewirkt. Im Gegensatz zum Westen, der ein gewisses Unbehagen am Erstarken islamistischer Kräfte in Syrien zeigte, ist dies der Türkei herzlich egal. Ankara hat, als es das Blatt in Syrien sich wenden sah, sogar mit dem Abschuss eines russischen Jets versucht, einen Krieg zwischen der NATO und Russland auf syrischem Boden zu provozieren. Als diese Rechnung allerdings nicht aufging, sah sich das Erdogan-Regime plötzlich Moskau ausgeliefert. Heute ist auch das kleinste Handeln der Türkei in Syrien ohne die Einwilligung Putins nicht denkbar.

Aktuell ist das der Türkei noch recht, hat sich doch die Syrienpolitik Ankaras mit der Entstehung der Demokratischen Föderation Nord- und Ostsyrien bedeutend verändert. Vom Sturz des Assad-Regimes ist keine Rede mehr. Der einzige Fokus der türkischen Politik ist die Bekämpfung der Föderation Nordsyriens, einschließlich eines genozidalen Kurses gegen die dort lebende kurdische Bevölkerung. Dafür werden weiterhin islamistische Truppen massiv von der Türkei unterstützt. Wie bereits oben beschrieben, nutzt die kurdenfeindliche Politik Ankaras bis zu einem gewissen Grad auch der russischen Syrienpolitik.

Die Türkei hat allerdings auch ihre neoosmanischen Träume nicht aus dem Blick verloren. Ankara hat eigentlich seit der Neuordnung des Mittleren Ostens infolge des Ersten Weltkrieges nie aufgehört, Ansprüche auf die Gebiete im Norden Syriens und im Norden des Iraks zu erheben. Die Besatzungsoperationen in Nordsyrien passen da ins Konzept. Die ethnischen Säuberungen in den besetzten Gebieten sind ebenfalls Teil einer längerfristig ausgelegten Politik. Doch wie wird die Haltung Russlands zu der Besetzung dieser Gebiete aussehen, wenn die Türkei ihre Rolle als nützlicher Dienstleister der russischen Syrienpolitik ausgespielt hat? Und wie lange kann die Türkei die kostspielige Besatzung vor dem Hintergrund des anhaltenden Widerstands der Völker Nordsyriens aufrechterhalten? Diese Fragen müssen aktuell noch unbeantwortet bleiben.

Die Politik des Dritten Weges als Konstante der Föderation Nordsyriens

Vor dem Hintergrund der widersprüchlichen Interessen im syrischen Bürgerkrieg hält die Demokratische Föderation Nord- und Ostsyriens als eine der wenigen Akteure an ihrem politischen Kurs konsequent fest. Dieser Kurs lässt sich als Politik des dritten Weges umschreiben. Erstmals deklariert wurde diese Leitlinie, als sowohl das Baath-Regime wie auch die vermeintliche syrische Opposition versuchten, die politischen Vertreter der Revolution von Rojava auf ihre Seite zu ziehen. Der dritte Weg wurde vor diesem Hintergrund als selbstbewusste Haltung deklariert, die keine Bereitschaft zeigte, sich in fremde Interessen einbinden zu lassen. Stattdessen verfolgte die Revolution von Rojava stets den Kurs, die von ihr befreiten Gebiete gegen äußere Angriffe zu verteidigen und den Aufbau einer basisdemokratischen, geschlechterbefreiten und pluralistischen Gesellschaftsordnung voranzutreiben.

Das bedeutet nicht, dass jeglicher Dialog zu anderen Akteuren rundweg abgelehnt wurde. Im Gegenteil, die Vertreter der Demokratischen Föderation Nord- und Ostsyriens suchten von Anfang an den Dialog zu allen Akteuren auf dem Feld. Eine Zusammenarbeit wurde allerdings nur dann eingegangen, wenn dies den oben genannten Eigeninteressen diente. Das geschah beispielsweise im gemeinsamen Kampf mit der internationalen Koalition gegen den IS.

Heute stellt die türkische Invasion die größte Gefahr für den Fortbestand der Föderation in Nordsyrien dar. Auch vor diesem Hintergrund bemühen sich ihre politischen Vertreter darum, mit allen Akteuren in den Dialog zu treten und auf die Notwendigkeit einer gemeinsamen Haltung gegen die türkische Gefahr zu drängen. Auch die militärischen Vereinbarungen mit dem Assad-Regime sind vor diesem Hintergrund zu werten.

Doch der Dialog mit dem Assad-Regime ist keiner, der allein aus einer Notsituation heraus entstanden ist. Tatsächlich bemühen sich unter dem Dach des Demokratischen Syrienrats (MSD) die Völker Nordsyriens seit geraumer Zeit, einen lösungsorientierten Dialog mit Damaskus aufzubauen. Ziel ist ein demokratischer Wandel des Landes, das dezentral strukturiert ist und somit den Raum für die demokratische Selbstverwaltung Nordsyriens und anderer Regionen eröffnet. Noch stehen die Vorstellungen Assads und der Föderation von einem zukünftigen Syrien sehr weit auseinander. Doch wenn beide Seiten einen weiteren langanhaltenden Krieg aus dem Weg gehen wollen, müssen sie einen Kompromiss finden. Wie dieser letztlich aussehen könnte, wird die Zeit zeigen. Im Kampf gegen eine längerfristige türkische Besatzung in Nordsyrien scheinen beide Seiten jedenfalls einig zu sein. Das ist ein Anfang, auf dem aufgebaut werden kann.

USA, Russland und Türkei gegen Rojava

Quelle: Civaka Azad – Die Furcht vor dem demokratischen, ökologischen und geschlechterbefreiten Gesellschaftssystem (Januar 2020)

Trump, Putin und Erdogan

Die Phase des türkischen Besatzungskrieges in Cerablus, Azaz, Efrîn und später in ganz Rojava begann im Wesentlichen am 19. Dezember 2018, dem Tag, an dem US-Präsident Donald Trump den Rückzug aus Syrien ankündigte. Infolge dieser mit den US-Verantwortlichen vor Ort unabgesprochenen Erklärung trat der US-Sonderbeauftragte für die internationale Koalition gegen die Terrormiliz »Islamischer Staat« (IS), Brett McGurk, zurück. An seine Stelle wurde der ehemalige US-Botschafter in Ankara, James Jeffrey, gesetzt. Jeffrey hat vom ersten Tag an mit seinen Erklärungen und Entscheidungen eine völlig andere Linie in Bezug auf Nordsyrien und Rojava gefahren als Brett McGurk, indem er die aggressive Besatzungspolitik der Türkei unterstützte.

Der klarste Ausdruck dessen ist der Plan der »Sicherheitszone«, gänzlich eine Idee von James Jeffrey. Er kam zusammen mit einer Delegation am 22. Juli 2019 zu einem dreitätigen Besuch nach Ankara, bei dem er mit türkischen Staatsvertretern das Thema der Sicherheitszone in Nordsyrien besprach. Parallel dazu führte er auch Gespräche mit den Kurden in Syrien und traf sich mit Kommandanten der Demokratischen Kräfte Syriens (QSD) und der Selbstverteidigungskräfte von den YPG.

Im Rahmen dieser Gespräche wurde Anfang August beschlossen, einen gemeinsamen Sicherheitsmechanismus zu entwickeln, um die »sichere Zone« aufzubauen. Es wurden Vereinbarungen getroffen, denen zufolge fünf Kilometer hinter der türkischen Grenze Verteidigungsmaßnahmen wie Stellungen, Kanäle, Barrikaden und Tunnel zerstört und die dort befindlichen schweren Waffen zurückgezogen werden sollten. Dementsprechend wurden die Stellungen und Verteidigungssysteme mit Baumaschinen niedergerissen, QSD und YPG zogen ihre schweren Waffen aus Serê Kaniyê (Ras al-Ain) und Girê Spî (Tall Abyad) zurück. Im Rahmen dieses Mechanismus unternahmen die Türkei und die USA im kurdisch kontrollierten Norden Syriens Patrouillenflüge und auf dem Land gab es gemeinsame Patrouillen entlang der Grenze.

Auf der Generalversammlung der Vereinten Nationen am 24. September hielt der türkische Staatspräsident Tayyip Erdoğan eine Rede, in der er seine Pläne der ethnischen Säuberung, die den UN zufolge als Kriegsverbrechen gilt, offen zur Sprache brachte und seinen Rojava-Besatzungsplan mithilfe einer Landkarte Syriens illustrierte.

Erdoğan erklärte, dass die Vorbereitungen zur Sicherheitszone zusammen mit den USA durchgeführt werden würden, und führte aus: »Östlich des Euphrats können wir eine sichere Zone einrichten. Dort können wir die Flüchtlinge ansiedeln. Wir können drei Millionen Syrer zurück in ihre Heimat bringen.« Diese dreiste und anmaßende Haltung Erdoğans, der von der Besetzung Syriens zum Zwecke der Ausdehnung der türkischen Grenzen so sprach, als sei es das Natürlichste auf der Welt, fand in der UN-Generalversammlung keine ernsthafte Reaktion und ist als schändliche Haltung in die Geschichte eingegangen.

Am 13. Oktober 2019 erklärte US-Präsident Trump gegenüber FoxNews: »Die Türken und Kurden bekriegen sich seit Jahrhunderten, sollen sie weitermachen. Die Kurden können den Luftangriffen der Türkei nichts entgegensetzen und müssen sich von der Grenze zurückziehen. Die Zeit unserer Rückkehr ist gekommen. Wir werden Syrien verlassen.«

Einzigartiges »Waffenstillstandsabkommen«

Das war die Entscheidung, die von den USA seit 2014 geführte Koalition gegen den IS in der Region zu beenden. Auf diese Weise haben die USA die von Erdoğan und anderen türkischen Vertretern seit Monaten geäußerte Drohung gegenüber Rojava überhört und dem Angriff den Weg geebnet. So zogen sie einen Tag vor dem Angriff ihre Soldaten aus Serê Kaniyê und Girê Spî ab und beendeten offiziell und de facto die Zusammenarbeit mit den QSD.

Das zwischen den USA und der Türkei am 16. Oktober 2019 getroffene »Waffenstillstandsabkommen« ist hierbei einmalig in der Geschichte. Es wirkt wie ein lächerlicher Taschenspielertrick, dass zwei Staaten, die sich nicht gegenseitig bekriegen und sich sowohl im gleichen Lager befinden als auch NATO-Partner sind, ein »Waffenstillstandsabkommen« abschließen.

Die USA, die die türkische Besatzung genehmigten, veröffentlichten im Rahmen des Treffens mit türkischen Staatsvertretern in Ankara einen Text, in dem in 13 Punkten die »Besatzung« legitimiert wird. Nach dem Treffen erklärte Trump, die Kurden müssten aus ihren Gebieten geschafft und nach Deira Zor gebracht werden: »Der Waffenstillstand läuft gut. Es ist Zeit, dass die Kurden in die Ölgebiete gehen. Sie gehen in neue Gebiete. Das Öl ist gesichert.«

»Waffenstillstandsabkommen« ist gleichzeitig ein Friedensvertrag mit den dschihadistischen Gruppen

Dieses Abkommen legitimiert die Besetzung Rojavas durch die Türkei und den IS. Es legt die türkische Besatzung auf syrischem Boden fest und sieht vor, dass die Kurden entlang der türkisch-syrischen Grenze in einer Tiefe von 35 Kilometern aus der Region vertrieben werden. Das zwischen den USA und der Türkei getroffene »Abkommen« zur Waffenruhe sieht für beide keinerlei Pflichten vor. Nicht der Besatzer wird dazu angehalten, sich zurückzuziehen, sondern die Gesellschaft, deren Territorium besetzt wird, und deren Selbstverteidigungskräfte werden dazu gezwungen, sich zurückzuziehen.

Das von bilden Staaten vereinbarte »Waffenstillstandsabkommen« ist gleichzeitig ein Friedensvertrag mit den dschihadistischen Gruppen, die zuvor von den USA als terroristisch erklärt worden waren. Denn abkommengemäß ziehen sich die Kurden 35 km von der Grenze zurück und Mitglieder der dschihadistischen Gruppen und deren Familienangehörige sollen dort angesiedelt werden.

Das am 22. Oktober 2019 in Sotschi nach dem Treffen zwischen Putin und Erdoğan verabschiedete 10-Punkte-»Abkommen« hat die »Waffenstillstandsvereinbarung« bestätigt. Russland erklärte entsprechend den türkischen Forderungen, dass sich die Kurden 35 Kilometer von der Grenze zurückziehen müssten und die Besatzung durch den türkischen Staat und die zuvor als terroristisch erklärten Gruppen in Rojava und Nordsyrien unterstützt werde.

Das in Russland unterzeichnete Sotschi-Abkommen hat die Verantwortung zum Schutz der territorialen Einheit und politischen Souveränität Syriens nicht der syrischen Armee, sondern der »Syrischen Nationalarmee« (SNA) übertragen, die aus von der Türkei abhängigen Gruppen zusammengesetzt ist. Somit bestätigte Russland die Legitimität der als Syriens Nationalarmee betitelten »Armee«, die aus Gruppen von Al-Qaida, Al-Nusra, Ahrar al-Scham und IS besteht.

Zusammenfassend ist festzustellen: Der türkische Staat hat zusammen mit seinen dschihadistischen Verbündeten mit Zustimmung und Unterstützung Russlands und der USA Rojava besetzt. Die USA haben ihre Soldaten zurückgezogen und ihre Stützpunkte aufgelöst. Die Kurden schlossen daraufhin mit Syrien und Russland eine Vereinbarung über die gemeinsame Verteidigung der Grenzen. Doch Syrien schickte seine Soldaten nicht an die Grenze und wartete auf die Realisierung der Besatzung.

Im Zuge der Angriffe der Türkei haben die USA und Russland den syrischen Luftraum für die türkischen bewaffneten Drohnen und Kampfflugzeuge geöffnet und somit der Überlegenheit der QSD und YPG/YPJ über die türkische Armee am Boden ein Ende gesetzt. Dadurch bekamen die türkische Armee und ihre dschihadistischen Verbündeten die Möglichkeit, mithilfe von Luftangriffen vorzurücken.

UNO, USA und Russland scheinen sich darüber verständigt zu haben, der Türkei eine mögliche »Sicherheitszone« an der Grenze zu übergeben. Die Besuche Erdoğans am 22. Oktober in Russland und am 13. November in den USA verfolgten das Ziel, diese Besatzungspläne auszuweiten.

Strategische Allianz zur Zerschlagung der Selbstverwaltung in Rojava

Die Besatzung der Türkei zuerst in Cerablus und Azaz, Efrîn und nun in Girê Spî und Serê Kaniyê geschah nicht trotz der USA und Russland, sondern mithilfe ihrer Zustimmung und Unterstützung. So wurde die Verbindung zwischen den Kantonen Efrîn, Kobanê und Cizîrê getrennt und das in Rojava aufgebaute System der demokratischen Selbstverwaltung physisch und de facto auseinandergerissen.

Die USA, Russland, die Türkei und Syrien stecken beim Thema der Zerschlagung der Selbstverwaltung in Rojava von Anfang an in einer strategischen Allianz. Die erneute Integration der Türkei in Syrien durch die USA und Russland hängt damit zusammen.

Während des Verfassens dieser Zeilen fand am 3. und 4. Dezember der NATO-Gipfel in London statt. Die Türkei hatte vorab erklärt, den von der NATO angesichts der Russland-Gefahr vorgesehenen Baltikum-Verteidigungsplan blockieren zu wollen. Die Türkei zielte darauf ab, vor den Diskussionen über den Baltikum-Verteidigungsplan die Differenzen innerhalb der NATO auszunutzen, um die Besatzung in Nordsyrien in eine gemeinsame »NATO-Besatzung« umwandeln zu lassen. Türkische staatliche Vertreter erklärten, die für das Baltikum und Polen vorgesehene NATO-Verteidigung müsse auch für die Türkei gewährleistet werden. Man werde den Baltikum-Plan angesichts der Gefahren an der syrischen Grenze nicht akzeptieren, wenn die YPG nicht in die Terrorliste aufgenommen werden würden. Wenn die Türkei diese Sichtweise durchsetzt und die NATO in einer gemeinsamen Entscheidung PYD und YPG in die Terrorliste aufnimmt, wird die Besatzung in Rojava und Nordsyrien als NATO-Operation an Legitimation gewinnen. Der Türkei wird so garantiert, als NATO-Partner in den besetzten Gebieten bleiben zu dürfen.

»PKK gefährlicher als der IS«

Das Projekt der ethnischen Säuberung und der Vertreibung der Kurden wird Schritt für Schritt realisiert. Aber auch der Kampf der Kurden und der Völker Nordsyriens dagegen dauert weiter an. Die Basis für diese sehr komplizierten, flexiblen und schwer verständlichen Beziehungen und Bündnisse bildet der antagonistische Widerspruch und Konflikt zwischen kapitalistischer und demokratischer Moderne.

UNO, USA und Russland sind besorgt, dass sich ein demokratisches, ökologisches und geschlechterbefreites Gesellschaftssystem – ein Projekt des kurdischen Vordenkers Öcalan und unterstützt von der PKK – in einer Region wie dem Mittleren Osten als lebendiges Beispiel und als Alternative zum bestehenden System weiter ausweitet. Die Äußerung Trumps, der hier direkte Beziehungen mit den QSD, YPG und YPJ pflegt, dass »die PKK gefährlicher als der IS« sei, ist Ausdruck dieser Furcht. So werden QSD, YPG und YPJ offen als Verbündete der Koalition anerkannt, nicht aber der Demokratische Rat Syriens (MSD) und die Räte der Kantone sowie die Partei der Demokratischen Einheit (PYD) als politischer Wille.

Es ist eine gemeinsame Haltung der UNO, der USA und Russlands, dass im Rahmen der Lösungsverhandlungen für Syrien wieder kein politischer Vertreter der demokratischen Selbstverwaltung zur siebten Runde der Genfer Friedensgespräche und in die Verfassungskommission für Syrien eingeladen wurde. Diese Haltung demonstriert den strategischen und tiefen Krieg zwischen kapitalistischer und demokratischer Moderne.

Die Kriegsverbrechen des deutschen Staates in Kurdistan

In Deutschland hergestellte Giftgase und chemische Waffen wurden im Laufe des letzten Jahrhunderts in Kriegen in Kurdistan eingesetzt, nicht nur beim Massaker von Dersim 1938. Die Beteiligung wurde immer wieder belegt.

Neue Dokumente ergaben, dass beim Völkermord von Dersim zwischen 1937 und 1938 deutsches Giftgas verwendet wurde. Die Bundesregierung behauptete dennoch, keine Kenntnisse über die Geschehnisse zu haben. Die Dersim-Zeitung und die Zeitung Yeni Özgur Politika veröffentlichten jedoch Dokumente, wonach Mustafa Kemal „Atatürk“ von Nazideutschland Giftgas für den Dersim Genozid gekauft hat.

Die Bundesregierung nahm keine Stellung zu den Dokumenten. Die Bundestagsabgeordnete und innenpolitische Sprecherin der Fraktion DIE LINKE, Ulla Jelpke, erklärte gegenüber ANF, in Deutschland hergestellte Giftgase würden von Dersim bis Halabdscha wiederholt bei Verbrechen gegen Kurd*innen eingesetzt. Deutsche Waffen in den Händen türkischer Soldaten, aber auch des Saddam-Regimes, haben schwere Schäden in Kurdistan angerichtet. Das irakische Baath-Regime kaufte von Deutschland Waffen, die es gegen Kurd*innen in Südkurdistan einsetzte. Die deutsche Firma Züblin, schon aus der Nazizeit wegen Zwangsarbeit berüchtigt, stellte Infrastruktur für die Herstellung des beim Massenmord in Halabscha eingesetzten Giftgases her. Auch beim schmutzigen Krieg in Nordkurdistan in den 90er Jahren waren es deutsche Panzer, Leopard und BTR-60, die aus NVA-Beständen stammten, welche Menschen zu Tode schleiften und über 4.000 kurdische Dörfer zerstörten. Deutsche Panzer rollten auch 2016 bei der Zerstörung der Städte Cizîr (Cizre), Sûr, Şirnex (Şırnak) und vielen anderen Orten durch die Straßen. Hunderte Zivilist*innen wurden bei den Ausgangssperren durch mit deutscher Lizenz produzierten G-36-Gewehren ermordet.

Die Türkei setzte wiederholt chemische Waffen sowohl gegen die Zivilbevölkerung als auch gegen die Guerilla in Kurdistan ein. Dieses Giftgas stammt auch aus Deutschland. Einige Beispiele sollten folgen:

Der Massenmord von Halabdscha

Am 16. März 1988 wurden in Halabdscha mindestens 5.000 kurdische Zivilist*innen vom Regime Saddam Husseins mit Giftgas ermordet. Das Gas wurde in einer Fabrik in Samarra vom Regime hergestellt. Aber an vielen Phasen der Produktion waren deutsche Unternehmen beteiligt. So beteiligte sich Züblin am Bau der Fabrik. Water Engineering Trading GmbH aus Hamburg lieferte die Verschraubungstechnik zur Herstellung des Gases. Andere Profiteure sind unter anderem die hessische Karl Kolb AG in Hessen, die Ausgangsstoffe und Laborgeräte lieferte. Die Firmen aus Deutschland, wie Karl Kolb / Pilot Plant und WET, die die Ausgangsprodukte für die Giftgasproduktion geliefert hatten, behaupteten, dass es sich um Unkrautvernichtungsmittel gehandelt habe. Mindestens 52 Prozent aller Giftgasanlagen im Irak kamen von deutschen Firmen, andere Quellen sprechen sogar von 70 Prozent. Später wurde bekannt, dass in den Firmen zahlreiche Mitarbeiter des BND arbeiteten, die Bundesregierung scheint die Aufrüstung des Saddam-Regimes mit Giftgas nicht gestört zu haben. Insbesondere die Kohl-Regierung unterstützte die Waffenhändler, von denen nur drei belangt wurden. Sie erhielten geringe Bewährungsstrafen.

Die deutschen Journalisten Hans Leyendecker und Richard Rickelmann haben ein Buch mit dem Titel „Exporting Death: Deutscher Waffenskandal im Nahen Osten“ veröffentlicht. In dem Buch beschreiben sie ausführlich, wie deutsche Unternehmen mit Saddam Hussein kooperierten und wie Deutschland sich am Halabdscha-Genozid beteiligte.

Chemiewaffen gegen die Guerilla

Obwohl völkerrechtlich verboten, wurde in den 30 Jahren Krieg der türkischen Armee gegen die PKK immer wieder Giftgas eingesetzt. Auch dieses Gas stammte oftmals aus Deutschland. Ein Beispiel ist der Mord an 20 PKK-Guerillas in einer Höhle in Şirnex am 11. Mai 1999.

Videomaterial, das während der Zusammenstöße an diesem Tag von der türkischen Armee aufgenommen wurde, wurde 2011 von Roj TV und ANF veröffentlicht. Ein Soldat sagte in dem Video: „Unsere Soldaten sind gerade mit der Gefahr einer Vergiftung konfrontiert. Aber sie marschieren weiter, wie Bestien, wie Helden. Wir haben uns einen Tag frei genommen, aber das Gas ist immer noch wirksam.“ Türkische Soldaten sind zu sehen, wie sie unter dem Kommandanten Necdet Özel, späterer Generalstabschef, in die Höhle vorrückten.

Giftgaseinsatz gegen kurdische Guerillakämpfer
(kurdistannuce, Nov 2011, german subtitles)

Einige Bombenfragmente aus der Ballikaya-Region wurden von einem Reporter nach Deutschland gebracht und durch ein Labor untersucht. Die Inspektion im Forensic Science Institute der Universität München ergab Spuren des im Krieg verbotenen CS-Gases an den Fragmenten. Im ZDF wurde am 27. Oktober 1999 im Fernsehmagazin „Kennzeichen D“ gezeigt, dass das Gas RP707 seit 1995 von der Firma Buck & Depyfag mit Zustimmung der Bundesregierung an die Türkei verkauft wurde.

Insbesondere in der jüngeren Vergangenheit gab es immer wieder Giftgaseinsätze der türkischen Armee. Die effektive Untersuchung sowohl der Leichen als auch genommener Proben wurde jedoch vom deutschen Staat verhindert und Anzeigen nach dem Völkerstrafrecht verschleppt und eingestellt.

Quelle: ANF – Die Kriegsverbrechen des deutschen Staates in Kurdistan

Rojava ist Widerstand

BETEILIGUNG VON INTERNATIONALIST*INNEN IN ROJAVA

International Volunteers of the Rojava Revolution
(Unicorn Riot, Feb 2019)

In 2019, Unicorn Riot interviewed three New Yorkers who volunteered to fight alongside the Peoples’ Protection Units (YPG) and Syrian Democratic Forces against ISIS and Turkey. The documentary features their oral accounts overlaid with contributed footage from anonymous sources to bring you a first person point of view of what happened to fighters as they held the front line in defense of Rojava, an autonomous zone in northern Syria. The three men share their perspectives of what they witnessed while playing a small role in the Syrian Civil War as international volunteers for the YPG.

Foreigners Fighting ISIS in Syria: The War of Others
(VICE, April 2016, deutsch, english subtitles)

Atatürk und die Nationalsozialisten

Quelle: ANF – Atatürk und die Nazis

Türkische Handelskammer in Berlin am 26. Februar 1943


Eine blutige Operation

Schätzungsweise 50.000 kurdische Alevit*innen wurden in den Jahren 1937/38 im Zuge des Massakers in Dersim getötet – zuvor hatte die kemalistische Türkei 1937 bei den Nazis in Deutschland Giftgas eingekauft, um es gegen die rebellischen kurdischen Alevit*innen in Dersim einzusetzen. Ein geheimes Dekret über die Bestellung von 20 Tonnen chemischer Kampfstoffe wie Senfgas und Chloracetophenon nebst einer automatischen Abfüllanlage vom 7. August 1937 trägt die Unterschrift Atatürks. Die Bestellung erfolgte, nachdem die türkische Regierung in einem Geheimbeschluss eine „Endlösung“ für die Bergprovinz Dersim beschlossen hatten, deren kurdisch-alevitische Bewohner sich der von Ankara erzwungenen Türkisierung widersetzten und auf althergebrachten Autonomierechten bestanden. Schätzungsweise 50.000 kurdische Aleviten wurden in den Jahren 1937/38 in Dersim, das von der Regierung in den türkischen Namen Tunceli (Bronzefaust) umbenannt worden war, von der türkischen Armee ermordet. Dass damals auch Giftgas zum Einsatz kam, hatten Zeitzeug*innen berichtet. Auch der ehemalige türkische Außenminister Ihsan Sabri Caglayangil bestätigte in einem Tondokument den Einsatz solcher Waffen. „Sie hatten in Höhlen Zuflucht gefunden. Die Armee hat Giftgas benutzt – durch Eingänge der Höhlen. Sie wurden vergiftet wie die Ratten. Sieben- bis siebzigjährige Dersimer Kurd*innen wurden geschlachtet. Es war eine blutige Operation.“

Von türkischen Soldaten gefangen genommene Zivilist*innen in Dersim, 1937


CHP: Reflexartig Gewehr bei Fuß

Die in der ARD-Sendung („Das vergessene Massaker – Wie Kemal Atatürk Aleviten ermorden ließ„) präsentierten Dokumente mit Atatürks Unterschrift waren im Frühjahr 2019 erstmals in der Dersim Gazetesi und anschließend u.a. von Arti Gercek und Yeni Özgür Politika veröffentlicht worden, ohne aber außerhalb linker, kurdischer und alevitischer Kreise größere Wogen zu schlagen. Damals war Oberbürgermeisterwahlkampf in Istanbul und der CHP-Kandidat Ekrem Imamoglu war auf die Stimmen der kurdischen und alevitischen Wähler angewiesen. Über die Vergangenheit wurde daher von Seiten der Kemalist*innen lieber geschwiegen, um diese Wählergruppen nicht wieder zu entfremden. Derartige Rücksichtnahme ist heute, wo ein Großteil der Kemalist*innen einschließlich Imamoglu angesichts des türkischen Angriffskrieges auf die kurdische Selbstverwaltung in Nordsyrien wieder reflexartig Gewehr bei Fuß an der Seite des Staates steht, nicht mehr nötig. Stattdessen wird jetzt der antikurdische Schulterschluss zwischen Kemalist*innen aus CHP und Dogu Perinceks Vaterlandspartei, AKP-, MHP- und IYI-Anhänger*innen geprobt.

Hakenkreuze gegen Halbmond ausgetauscht

Hitler selbst war ein großer Bewunderer Atatürks und unter den Nazis gab es ein regelrechtes „Türkenfieber“. In einem Interview mit der türkischen Zeitung „Milliyet“ erklärte Hitler im Juli 1933, Atatürk sei für ihn in seiner Münchner „Kampfzeit“ ein „leuchtender Stern“ gewesen. Eine Atatürk-Büste des NS-Bildhauers Jose Thorak soll eine von Hitlers liebsten Besitztümern gewesen sein. Und 1933 veranstaltete die SA in Berlin eine Feierstunde zum zehnjährigen Bestehen der türkischen Republik.

Türkischer Armeegeneral Cemil Cahit Toydemir (Mitte) mit Adolf Hitler und Wilhelm Keitel im „Führerhauptquartier Wolfsschanze“, Juni 1943

Umgekehrt beklagte Atatürk nach Aussagen seiner Adoptivtochter Sabiha Gökcen im Jahr 1937, dass Hitler ein „Rassist“ sei. „Er ist ein Wahnsinniger, der die Deutschen als eine besondere, gehobene Rasse betrachtet“ erklärte Atatürk. Da Atatürk schon die Türken als eine solche besondere gehobene Rasse ansah, mussten die Weltanschauungen der Nazis und der Kemalisten in diesem Punkt zwangsläufig kollidieren. Es ist zwar richtig, dass die Regierung in Ankara von den Nazis politisch oder rassisch als Juden verfolgten deutschen Wissenschaftlern Zuflucht bot, um deren Fähigkeiten für den Aufbau des türkischen Staates zu nutzen. Doch gleichzeitig zeigte die kemalistische Führung offene Sympathie mit zentralen Elementen der faschistischen Ideologie, was die Nazis zur Verbesserung der wirtschaftlichen und politischen Beziehungen mit der Türkei nutzten. Der deutsche Botschafter in Ankara, Franz von Papen, beeinflusste die Panturkisten-Bewegung um Alparslan Türkeş – den späteren Führer der Grauen Wölfe – im Sinne der völkischen Weltanschauung der Nazis. Und deutsche Berater bauten damals den Militärgeheimdienst der Türkei auf. Auch Flugzeuge, die zum Abwurf von Gasbomben über Dersim eingesetzt wurden, kamen zum Teil aus Deutschland. So orderte Ankara 24 zweimotorige Bomber vom Typ He 111 J. Die in den Heinkel-Werken Oranienburg (HWO) gefertigten Flugzeuge wurden ab Oktober 1937 über Bulgarien nach Istanbul geliefert. Es gibt noch Bilder, die zeigen, wie türkische Soldaten die Hakenkreuze an den Flugzeugen gegen den türkischen Halbmond austauschen.

1937: Türkischer Soldat ersetzt Hakenkreuz an einem Heinkel-Bomber durch einen türkischen Halbmond


Seit die Donau ins Schwarze Meer fließt

Das Deutsche Reich wurde zwischen 1933 und 1938 zum größten Rohstoffimporteur und wichtigsten Partner beim Aufbau der türkischen Industrie. Die Beziehungen beider Länder erreichten einen ähnlichen Stand wie vor dem Ersten Weltkrieg. Die offiziell neutrale Türkei hielt unter Atatürks Nachfolger Ismet Inönü dem Deutschen Reich mit Unterzeichnung eines Nichtangriffspaktes vier Tage vor dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion im Juni 1941 militärisch den Rücken frei.

Am 18. Juni 1941 unterzeichneten der deutsche Botschafter Franz von Papen und der türkische Außenminister Şükrü Saracoğlu in Ankara den deutsch-türkischen Freundschaftsvertrag und den Nichtangriffspakt.

Dazu kamen umfangreiche Rohstofflieferungen für die deutsche Rüstungsproduktion. „Seit die Donau ins Schwarze Meer fließt, sind die Deutschen und die Türkei gezwungen, in einem sich ergänzenden Wirtschaftsraum zu leben. Die Welt muss der Realität entsprechend gesehen werden“, rechtfertigte Yunus Nadi, Chefredakteur der kemalistische Zeitung Cumhuriyet, 1941 diese Politik. Die Cumhuriyet schmückte ihre Titelseite mit den Bildern Inönüs und des „Führers“. Lediglich von symbolischer Bedeutung war am 23. Februar 1945 die Kriegserklärung Ankaras an das bereits besiegte Deutsche Reich.

„Innige Gratulationen zwischen unserem Nationalen Oberhaupt („Millî Şef“) und dem Führer” , Titeilseite der Cumhuriyet am 21. Juni 1941